Keine Künstlerin hat mich mit ihrer Musik und visuellen Ästhetik so verwirrt, mit Wut und Wahnsinn zurückgelassen und in meinen Alltag hinein verfolgt wie Kate Bush. Was knutscht sie da einen Schneemann auf dem Cover für „50 Words for Snow” ab? Wie kann sie sich so zügellos in „Eat The Music“ in Trance versetzen lassen? Und warum schaut sie ausgerechnet mich an, wenn sie im Video zu „Army Dreamers” mit ihrem Gewehr durch den Wald läuft und mahnende Worte singt? Ich kann sie nicht einordnen, ich fühle mich von ihr bedrängt. So, als würde sie mir mit ihrer kompromisslosen Art ein Spiegelbild zurückwerfen, das mir alle Fesseln offenbart, von denen ich mich noch nicht gelöst habe. Ja, wenn ich mir ihre Musikvideos anschaue, dann kann ich die innere Stimme der patriarchalen Gesellschaft in mir hören, die ihre Tanzbewegungen, ihre Kostüme, ihr Aussehen, und vor allem ihre überzeugte Art verurteilt. Genau da gebührt es sich, zuzuhören. Genau da kitzelt Widerstand an der Bequemlichkeit. Genau an dieser verletzlichen Stelle trifft mich Kate Bush wie ein Blitz. Erst, als ich das Musikvideo zu „Breathing” entdecke, kommt in mir der Mut auf, in das grelle Licht der Erkenntnis zu schauen und den Ursprung meiner instinktiven Abwehrhaltung zu ergründen. Bush selbst beschreibt „Breathing” (1980) als ihre persönliche Symphonie – also als das Werk, das sie in seiner Gänze als das vollkommenste ansieht. Während ich ihr zusehe, wie sie sich im Musikvideo, ein Embryo verkörpernd, im Mutterleib windet und trotz der verwüsteten, Atomstaub verhangenen Außenwelt um das Leben kämpft, fühle ich mich plötzlich zu ihr verbunden. Sie bricht mit den Konventionen der Liebe, der Lust, des Frauseins, der kommerziellen Musik. Sie präsentiert Verschwiegenes auf großer Leinwand und pocht auf ihre Vision. Was mir dann klar wird: Hinter all meinen Reaktionen steht die Angst. Die gesellschaftliche Angst vor solchen Frauen, die entgegen aller Norm handeln und damit die Macht besitzen, Normalitäten als unnormal zu erklären. Die Embryo-Szene nochmals anschauend, scheint mir Bush zuzurufen: „Wir sind eins, und nur durch Verbundenheit können wir die Angst überwinden und zur Freiheit gelangen.”
Vicky Vogelsänger
27.10.2025, Düsseldorf
