Ein Meer aus Frequenzen von Jannis Carbotta und Laura Greco

My Bloody Valentine – To Here Knows When (Album: Loveless) – 1991

‚Loveless‘, die legendäre Platte der Shoegazer My Bloody Valentine aus Dublin, feiert fast auf den Tag genau ihr 25 jähriges Jubiläum. Ein Grund sich das Album einmal genauer anzuhören, vor allem den Track ‚To Here Knows When‘. Trotz klassischer Rockbesetzung (Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang) klingt die Musik von My Bloody Valentine nicht nach typischem Alternative-Rock. ‚Loveless‘ wurde nur sechs Wochen nach Nirvana’s ‚Nevermind‘ veröffentlicht, bildet aber dazu einen Kontrast – trotz gleicher Instrumentierung.

Es ist nicht nur Musik, sondern ein Zusammenspiel von Verzerrungen, Effekten und Frequenzen, die sich gegenseitig ergänzen und doch gleichzeitig entwickeln lassen und somit individuelle Sounds innerhalb der Musik produzieren. Außerdem setzt die Band im Laufe des Stückes kleine musikalische Akzente in die bereits vertrauten Klangfolgen ein, um dem Hörenden weitere Reize zu liefern. Markant sind auch die sich immer wiederholenden stark und schwach rauschenden Wellen, die von einem beständigen und gleichbleibenden Rhythmus begleitet werden. Ein sich nicht verändernder Drumloop bildet die Grundlage dieses Stückes, hält sich aber dezent im Hintergrund und will seinen Hörer nicht so recht zum Kopfnicken einladen. Dieses penetrante, und durchdringende Geräusch, welches sich nicht wirklich zwischen verzerrter Gitarre oder verhallten Synthieflächen entscheiden kann, bestimmt die Bewegung der Musik. Während die Frequenzen mühelos den Akkorden der Gitarren in Ihrer Form folgen, ergibt sich eine Assoziation mit dem Meer, dessen Wellengang auch von einem immer wiederkehrenden Rauschen begleitet wird und den Klang umgibt. Alles läuft wie ein schimmernder, bunter Ölteppich zu einem traumhaften Gesamtklang zusammen und endet in einem immer lauter werdenden Durcheinander.

Die zurückhaltende Stimme der Sängerin Bilinda Butcher, bewegt sich auf ihrer Reise durch die sphärischen Klangwelten, als sei sie nur eine Unterstützung für das rhythmische und melodische Rauschen und kein Protagonist. Insgesamt ergibt sich ein musikalisches Konstrukt, welches in jeder Sekunde kurz davor steht zusammenzufallen.

Verstimmte Melancholie (Grouper – „Dragging the Streets“)

In ihrem Soloprojekt Grouper entwickelt die amerikanische Sängerin Liz Harris seit dem Jahr 2005 eine spezielle und eigene musikalische Sprache. Mit der Hilfe von Tape-loops und verschiedensten Effektgeräten erschafft sie eine Welt, die auf den ersten Moment vor allem düster und kalt wirkt, aber mehr verbirgt.

Aufgewachsen in einer kalifornischen Kommune die sich selbst als „The Group“ bezeichnete, begann Harris sich bereits in jungen Jahren mit der eigenen Identität und dem damit verbundenen künstlerischen Ausdruck zu beschäftigen. Diese Erfahrung prägte sie so sehr, dass sie heute unter dem Künstlernamen „Grouper“ veröffentlicht.

Hört man ihren Song „Dragging the Streets“ zum ersten Mal, überkommt einen zunächst ein beklemmendes und unbehagliches Gefühl. Man hört den Sound einer befahrenen Straße, dazu ein Klavier. Es klingt alt und verstimmt und so erinnert der Anfang eher an die Tonspur eines 50er Jahre Films als an einen Song. Nach und nach überlagern sich weitere, stark modulierende Klavier- und Gitarrensounds und vermischen sich mit der zarten Stimme Harris‘ zu einem seichten, schwebenden Klangteppich. Der zweistimmige Gesang sticht als einziges Element heraus, ist jedoch kaum zu verstehen. Ihre Stimme ist fragil und passt dadurch perfekt zu den brüchigen Gitarrenphrasen.

Wie in fast allen Werken Harris‘ fehlen jegliche rhythmische Elemente. So bekommt die Musik trotz ihrer emotionalen Schwere ein gewisse Leichtigkeit. Auch die Monotonie, sowie die nicht vorhandene Dynamik verstärken diesen Eindruck. Nahezu hypnotisch wirken die sich immer wiederholenden Fragmente und ziehen den Hörer so in die emotionale Welt der Sängerin hinein. Wenn man gerade denkt die Musik baue sich zu einer neuen Geschichte auf, enden die Songs jedoch meist abrupt.

Insgesamt bewegt sich Groupers Werk zwischen obskurer Elektronik und ambientartiger Singer-Songwriter Ästhetik und kreiert dabei eine Atmosphäre die trotz ihrer Melancholie auch eine beruhigende und entschleunigende Wirkung besitzt. Gedanken des Alltags verschwinden und es bleibt nur die hauchende Stimme Harris‘.

Von Todor Manojlovic und Jannis Hannover

Musikperformance im Dazwischen

Gao Jiafeng (*1990 in Hunan, China), selbsternannter “entertainer and artist”, war Ende April 2016 im Seminar „Künstlerischer Text“ zu Gast; er kam quasi direkt von seinem abgeschlossenen Studium (Music Technology / New York University) an ans IMM, um seine Arbeit vorzustellen.
In seiner aktuellen Solo-Show bewegt er sich zwischen Musik und Sprache, Performance und Storytelling, koreanischem Schlagerkitsch und prekärem New Yorker Künstlerdasein. Er selbst bezeichnet das Ganze allerdings schlicht als Musik, komponiert nach dem von ihm so genannten Prinzip der “Fix-Ture” (gefestigte Mischung). Videomitschnitt seiner Performance in einer Galerie in Brooklyn.

Physiker entdecken fraktale Strukturen in Literatur

Dass Sprache hochgradige Komplexität erreichen kann, ist eine triviale Einsicht – nun wurden aber in der Fachzeitschrift Information Sciences Forschungsergebnisse über die sprachlichen Komplexitätsgrade literarischer Werke publiziert. Nachdem sich Physiker des Krakauer Institut für Nuklearphysik  bei der Erforschung von Komplexität Daten aus Hirnforschung, Natur und Finanzmarkt analysiert haben, nahmen sie sich zuletzt 113 Texte aus dem Kanon der Weltliteratur vor, um deren Struktur zu untersuchen. Bei dieser Studie spielte vor allem die unterschiedliche Länge von Sätzen eine Rolle. Hier fanden die Forscher selbstähnliche Strukturen, wie sie beispielsweise in Fraktalen wie der Mandelbrot-Menge vorkommen.

Ein Artikel zu dieser Studie publizierte die Neue Zürcher Zeitung unter dem Titel Was Literatur mit Blumenkohl zu tun hat

Ludwig Wittgenstein – Die Vorstadt unserer Sprache

– Emanzipation der Neologismen ? –

Über Wortneuschöpfungen ausgehend von Wittgensteins Stadtmetaphorik der Sprache. Ist dieses Bild in unsere Zeit übertragbar?

„Jener philosophische Begriff der Bedeutung ist in einer primitiven Vorstellung von der Art und Weise, wie die Sprache funktioniert, zu Hause. Man kann aber auch sagen, es sei die Vorstellung einer primitiveren Sprache als der unsern:
Denken wir uns eine Sprache, für die die Beschreibung, wie Augustinus sie gegeben hat, stimmt: Die Sprache soll der Verständigung eines
Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, und zwar nach der Reihe, wie A sie braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: »Würfel«, »Säule«, »Platte«, »Balken«. A ruft sie aus; – B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen. -Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf.“ (Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Teil 1, Nr. 2)

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NMZS – Selbstportrait

Dies ist ein Auszug aus meiner Modulabschlussarbeit im Vertiefungsmodul Musik & Text, entstanden im Sommer 2014.

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Und hier ist der Download Link zur PDF Datei:

Download Auszug von NMZS Selbstportrait

„We’re w8ting 4…“

Sophia le Fraga wartet im Chatroom auf Godot

Zwei Menschen treffen sich im Internet. Wie sie hierher gekommen sind, weiss niemand. Was sie antreibt, einen Chat-Dialog zu beginnen, bleibt ebenfalls im Dunklen. Es gibt kein konkretes Anliegen, keine auszumachende Verabredung, keine Fragen und keine Antworten. Was übrig bleibt, ist das Feiern der  puren Existenz in reiner Textform: „We’ll  have to celeb8 this being together at last.“

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„NPR – Voice“

Modernes Kontrollsystem, oder nur ein Modetrend?

Wer Orwells „1984“ gelesen hat, kennt den Begriff: Neusprech – Ein Sprachsystem, das drastisch vereinfachtes Vokabular verwendet, um das Denken der Menschen zu steuern und sogenannten „Gedankenverbrechen“ vorzubeugen. Allgemeiner verstanden also eine Sprache, die den Menschen gezielt in eine Richtung lenkt, oder vielleicht auch eine bestimmte Reaktion auslösen möchte.

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Neues vom Kulturimperialismus

„First things first, I’m the realest“
(Iggy Azalea)

Das Wissen um traditionelle Kulturtechniken und dessen Träger sind Objekte der Aneignung und Ausbeutung symbolischen Kapitals.

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Verhexikon I

Innerer Monolog

 

Verhexikon II

Pataphysik

Warnung: Verwenden Sie Pataphysik nicht in Anwesenheit!

Bevor Sie Pataphysik in Betrieb nehmen, stellen Sie sicher, dass Sie alle vorbereitenden Maßnahmen, dazu zählen Kenntnisse der Philosophie und der Wissenschaftstheorie, befolgt haben, ansonsten kann es zu Fehldeutungen kommen. Nachdem Sie das Verhältnis von Metaphysik und Physik verstanden haben, übertragen Sie dieses Konzept auf Pataphysik und Metaphysik. Beachten Sie auch, dass Absurditäten und Parodien auf Unverständnis stoßen können. Am besten funktioniert die Anwendung der Pataphysik in literarischen und intellektuellen Kreisen, andernorts kann es zu kommunikativen Komplikationen kommen. Wenden Sie sich im Störfall an Ihren Hersteller Alfred Jarry.

Viel Spaß mit Pataphysik, wünscht Ihnen Ihr Hersteller Alfred Jarry.

Verhexikon III

Dinggedicht

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Verhexikon IV: Onomatopöie

Kennen Sie das? Sie berichten Ihren Freunden gerade von einem lustigen Geschehen, doch irgendwie kommt es nicht so richtig an? Oder Ihnen hört kaum jemand zu? Sie werden als prüde und steif angesehen?

Wenn Sie sich in diesem Moment angesprochen fühlen dann haben WIR genau das richtige für SIE !!!
Schluss mit öden Floskeln und Phrasen, Onomatopöie verhilft Ihnen zu einem neuen Sprachgefühl und gibt Ihnen den Pepp den Sie brauchen.

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„Die Stimmen der Dinge“

Die Bar als Hörspielort

Dürstendes Winken gen Barmann, ein Lächeln an den hübschen Menschen drei Hocker weiter, und gedimmte Lichter erzählen von einer Welt, in der Routinen und Daytime-Jobs verblassen. Sind die da hinten überhaupt schon 18? Warum hat dieser Typ eine Jogginghose an und wieso finde ich die so geil?

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Der Sprach- und Textkünstler Anne-James Chaton

„Pop is dead,  Pop is dead,  Pop is dead,  Pop is dead,  Pop is dead,  Pop is dead,  Pop is dead.“ *

Was auf den ersten Blick redundante Wiederholung zu sein scheint, kann oder muss auch als Rhythmus aufgefasst werden. Zumindest veranlasst Anne-James Chaton, französischer Sprach- und Textkünstler, zu dieser Einsicht, dass Wörter eben immer auch Rhythmus sind, Sprache immer auch Klang ist.

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Die Platte Nothing Here But The Recordings von William S. Burroughs

„Virtually all of Burroughs ́s writing was done when he was high on something“-
wer Burroughs ́ Biographie nachvollziehen möchte, kann dies mittels weniger Klicks tun
- und stößt dabei bald auf seine verschiedenen Wege der Intoxikation.

Was ist nötig, um eine künstlerische Äußerung eines Musikers, Schriftstellers, Malers etc.
zu empfinden, anstatt zu versuchen, zu verstehen, wo es kein Verstehen gibt?

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Regenwaldgeräusche als Wille und Vorstellung

Folkways Records war eines der wichtigsten und grössten unabhängigen Plattenlabels, welches ab den späten 1940er Jahren frühen Jazz, ethnomusikalische Recherchen und eben Folk-Music veröffentlichte. Auch unzählige Sprach- und Literaturschallplatten sowie Alben mit allen möglichen Geräuschen wurden herausgegeben, denn es war das erklärte Ziel des Labels, die gesamte akustische Welt zu dokumentieren; O-Töne von Satelliten, Müllhalden, Büros und sogar eine Platte mit Geräuschen aus einem Operationssaal wurde veröffentlicht.

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Soundclown- Comedy der Musik?

Soundcloud? Soundclown? Loud sound? Mal schau’n…

So viel zu meinen ersten Assoziationen, als ich von dem Begriff Soundclown hörte.
Dieser Begriff als solches ist mir bisher so nicht unter die Ohren gekommen und doch klingt er nicht fremd. Trennt man diese Wortkonstruktion auf, so ergeben sich die Begriffe Sound und Clown.
Sound: Ein Begriff mit dem wir alle Arten von Klänge und erzeugten Tönen benennen.
Clown: Eine Figur aus dem Zirkusbereich welche die Leute mit lustigen Inszenierungen zum Lachen bringen soll.

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